
Zweite B105 um jeden Preis
100 Mio. Euro für eine Trasse, die fast niemand will
Was ist passiert?
Mönchhagen/Rövershagen (MV). Die Bundesstraße B105 ist eine viel genutzte Straße, die die beiden Hansestädte Rostock und Stralsund miteinander verbindet. Sie ist zweispurig und verläuft nördlich der Ostseeautobahn A20. Tausende Touristinnen und Touristen nutzen die Straße auf dem Weg in den Urlaub. Gerade im Sommer kommt es deshalb immer wieder zu Staus. In Spitzenzeiten fahren laut einer Analyse aus dem Jahr 2019 bis zu 21.000 Fahrzeuge innerhalb von 24 Stunden durch die Ortschaften Mönchhagen und Rövershagen. Deshalb soll hier in den kommenden Jahren auf zehn Kilometern Länge eine dreispurige Ortsumgehung entstehen. Kostenpunkt: geschätzte 100 Mio. Euro – noch ohne Ausgleichsmaßnahmen.
Doch das Vorhaben ruft Ärger bei den fünf betroffenen Gemeinden entlang der Route hervor. Sie lehnen das Vorhaben in ihren Stellungnahmen ab und betonen, die Planungsgrundlagen seien nicht mehr zeitgemäß. Zudem befürchten sie zusätzliche Lärmbelastungen durch höhere Geschwindigkeiten auf der geplanten Umgehung, Wertverluste bei Grundstücken und eine zusätzliche Belastung der Gemeindefinanzen. Denn mit der Umgehung ginge auch die Umwidmung der bisherigen B105 einher, für deren Instandhaltung sie künftig zuständig wären.
Ärger gibt es auch bei Unternehmen an der Strecke, darunter ein bekannter Freizeitpark. Sie fürchten Umsatzausfälle bis zu einer zweistelligen Millionenhöhe durch weniger Zufallskundschaft und weisen darauf im Rahmen der Raumverträglichkeitsprüfung hin.
Auch Landwirte und der Bauernverband sprechen sich gegen die Umgehung aus. Sie sorgen sich um ihre Flächen und Erträge. Einzig die IHK zu Rostock steht der Ortsumgehung mit Blick auf die Nähe zum Seehafen positiv gegenüber – allerdings unter der Voraussetzung einer weiteren, bislang nicht fest geplanten Verbindung zur A19.
Insgesamt 58 negative Stellungnahmen liegen dem zuständigen Amt vor, außerdem mehrere Tausend Unterschriften einer Bürgerinitiative „Gegen eine zweite B105“. Auch der BUND unterstützt den Protest. Er hält den Bundesverkehrswegeplan 2030, in den die geplante Ortsumgehung im Jahr 2016 aufgenommen wurde – damals zu Kosten in Höhe von 35 Mio. Euro –, wegen der Nichteinhaltung der Klimaziele für verfassungswidrig.
Die Kritiker sind sich einig, dass die Planungen nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst, Zahlen nicht neu erhoben und Alternativen nicht ausreichend geprüft würden. Denn davon gebe es reichlich. Weil die Umgehung schon geplant war, aber lange Zeit nicht kam, wurden die Engstellen auf der B105 in diesem Bereich seit 2016 in Zusammenarbeit mit Verkehrsplanern immer wieder verbessert – teils sogar auf Kosten der Unternehmen. Bessere Ampelschaltungen und Ausfahrtschleifen könnten Abhilfe schaffen, davon sind die Kritiker überzeugt. Insgesamt erfülle die Umgehung auch das Ziel der Entlastung nicht; der Verkehr würde nur verlagert. Eine Umgehung würde zusätzlichen Verkehr von der A20 anziehen.
Doch das zuständige Amt für Raumordnung geht auf die Vorschläge nicht ein. Stattdessen schafft es sogar zusätzliche Kriterien, welche die Prüfung einer deutlich günstigeren Ertüchtigung der bestehenden Strecke hinfällig machen. So heißt es in der abschließenden landesplanerischen Stellungnahme zur Raumverträglichkeitsprüfung: „Der […] beschriebene Ausbau der vorhandenen B105 wird im Ergebnis der Gesamtbewertung aller untersuchten Belange als nicht vorzugswürdig eingestuft. Die Gegenüberstellung der objektiven Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten wurde vom Vorhabenträger um Wertungen ergänzt, die auch ganz prinzipiell eine Ausbaulösung ausschließen sollen, weil das Projektziel eben in der Schaffung einer Umgehungsstraße bestehe.“
Kurz: Man will – allen Einwänden zum Trotz – eine Umgehungsstraße bauen, koste es, was es wolle. Im Übrigen hat der BdSt in MV das zuständige Amt und Ministerium zu ihrer Meinung befragt. Antworten bekamen wir trotz mehrfacher Nachfrage nicht.
Foto: Michaela Skott
Der Bund der Steuerzahler kritisiert
Der Bund der Steuerzahler warnt vor Steuergeldverschwendung: Eine 100-Mio.-Euro-Umgehung gegen massiven Widerstand durchzudrücken, obwohl günstigere Alternativen kaum ernsthaft geprüft wurden, ist planerischer Starrsinn auf Kosten der Allgemeinheit. Starrsinn, der sich auch in der Nichtbeantwortung unserer Presseanfrage zeigte.
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