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29.10.2019

Turmbauten zu Jesberg mit Hiobsbotschaften

Teure Aussicht in Nordhessen

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Was ist passiert?

Jesberg. 2004 wurde der Kellerwaldturm auf dem 675 m hohen Berg Wüstegarten in Nordhessen offiziell eröffnet. Die Aussichtsplattform soll Besuchern bei gutem Wetter einen beeindruckenden Blick über große Teile Nordhessens bieten. Das touristische Highlight wurde vom Zweckverband Naturpark Kellerwald-Edersee in Auftrag gegeben und vom Land Hessen finanziert. Die reinen Baukosten beliefen sich auf 165.000 Euro. Die Gesamtkosten einschließlich des Abrisses eines alten Turms und weiterer notwendiger Arbeiten betrugen nach Medienberichten rund 300.000 Euro.

Schon im Herbst 2006 zeigten sich allerdings deutlich sichtbare Risse an der Holzkonstruktion. Doch anstatt den Turm umgehend zu sanieren, begann ein langwieriger und kostspieliger Rechtsstreit über die Frage, ob die Erbauerfirma schadenersatzpflichtig ist. Allein das Gutachten zur Klärung der Gewährleistung seitens der Baufirma kostete 30.000 Euro. Ende Oktober 2015 zog der Zweckverband die Klage schließlich zurück. So blieb es erst einmal bei der Misere. Kurzzeitig war der Turm sogar gesperrt, dann wurde er wieder für bis zu 15 Personen gleichzeitig freigegeben. Eine Volllastnutzung ist dem Turm aber nicht zuzumuten. Wegen der erheblichen Mängel wurde diskutiert, ob der Kellerwaldturm mit Unterstützung des Landes saniert oder neu aufgebaut werden sollte.

Schließlich kam der steuerfinanzierte Deutsche Wetterdienst (DWD) ins Spiel. Dessen Wetterradarturm im rund 40 km Luftlinie entfernten Diemelsee-Flechtdorf kam in Konflikt mit dem Ausbau der Windkraft, da Windenergieanlagen Störungen beim Wetterradar verursachen können. Eine Verlegung des Standorts in den windkraftfreien Kellerwald erschien als sinnvolle Alternative. Es kam die Idee auf, den Kellerwaldturm abzureißen und in der Nähe ein Wetterradar mit Aussichtsplattform zu errichten. Die Hoffnung, ein Windkraftinvestor würde den Umzug mitfinanzieren, zerschlug sich allerdings.

Trotzdem will der Wetterdienst nun 2022 oder 2023 für insgesamt rund 3 Mio. Euro in den Kellerwald umziehen. Auf dem Wüstegarten soll ein neuer Radarturm für 2,36 Mio. Euro entstehen – samt einer Aussichtsplattform für 447.500 Euro, die mindestens zehn Besuchern gleichzeitig Platz bietet. Betrieb, Unterhalt und Verkehrssicherungspflicht der Aussichtsplattform soll der Zweckverband Naturpark Kellerwald-Edersee übernehmen.

Zuvor soll aber noch der Kellerwaldturm für rund 70.000 Euro abgerissen werden − eine teure Lösung für den Steuerzahler. Und die Investition in den Kellerwaldturm ist endgültig vom Winde verweht.

Foto: Moritz Venner

Der Bund der Steuerzahler meint

Durch bessere Planungen, frühzeitiges Handeln und den Verzicht auf teure Rechtsstreitigkeiten hätten sich jahrelange Verzögerungen und erhebliche Kosten vermeiden lassen.

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Autor des Artikels

Clemens Knobloch

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Bemerkungen :

  • user
    Johannes Berlitz 01/11/2019 um 13:32

    Aus der Nordhessischen Pampa, weit weg von der Landeshauptstadt, möchte ich mich zum Kellerwaldturm äußern. Aus meiner Sicht ist der Schwerpunkt in der Berichterstattung falsch gesetzt. Unstrittig ist, dass ein Turm nicht zwei Jahre nach Erstellung schon baufällig und nicht mehr benutzbar sein darf. Ob aber die schnelle Sanierung ohne Ursachenforschung und dem Versuch, die Baufirma haftbar zu machen, der für den Steuerzahler bessere Weg ist, glaube ich nicht. Ich stelle mir vor, es wäre genau so gemacht worden, dann hätte der BdSt bestimmt ins Schwarzbuch geschrieben, dass man ja im Interesse des Gemeinwohls zunächst die Schuldigen hätte ausfindig und haftbar machen sollen, bevor mein neues Steuergeld einfach ausgibt. Der eigentliche Skandal ist doch, dass man den/die Schuldigen nicht gefunden hat. Es kann doch nur ein Planungsfehler oder ein Ausführungsfehler bzw. ein Fehler im Baumaterial gewesen sein, oder nicht?


    Auch dem Finden von Synergieeffekten mit dem DWD kann ich nichts Schlechtes abgewinnen, ganz im Gegenteil. Jetzt wird wohl eine stabile und dauerhafte Lösung umgesetzt, die in 2004 wohl noch nicht absehbar war.