
Millionentunnel ohne Nutzen-Nachweis
Kosten fast verdoppelt, Nutzen nicht nachgewiesen
Was ist passiert?
Hamburg. Der 88 Meter lange Oberhafentunnel soll Fußgängern und Radfahrern einen direkten Zugang zur U-Bahn-Station HafenCity Universität ermöglichen und die nördlich und südlich der Bahngleise gelegenen Quartiere miteinander verbinden. Was auf den ersten Blick nach einer sinnvollen Infrastrukturmaßnahme klingt, wirft bei näherem Hinsehen Fragen auf.
Der Tunnelbau wird als alternativlos dargestellt, was er aber nicht ist. Denn bereits heute besteht über die Stockmeyerstraße eine Verbindung zwischen beiden Bereichen. Der Umweg beträgt lediglich 1,2 Kilometer. Als die Planung 2019 genehmigt wurde, lag die Kostenberechnung bei rund 15,3 Mio. Euro. Inzwischen werden die Gesamtkosten bis zur Fertigstellung auf rund 27,9 Mio. Euro geschätzt. Damit verteuert sich das Projekt um rund 12,6 Mio. Euro bzw. mehr als 82 Prozent. Auch die Fertigstellung verschiebt sich deutlich: Ursprünglich sollte der Tunnel Ende 2023 fertig sein, Baubeginn war Anfang 2021. Nach mehreren Verzögerungen, u. a. wegen Insolvenzen ausführender Unternehmen, ist die Fertigstellung nun für das dritte Quartal 2026 angekündigt. Danach folgen noch Übergabe und Inbetriebnahme durch die Hamburger Hochbahn.
Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass die Wirtschaftlichkeit des Projekts nie nachgewiesen wurde. Zwar verweist die HafenCity Hamburg GmbH auf Potenzialanalysen und die Bedeutung des Tunnels für die Entwicklung des Quartiers. Eine klassische Kosten-Nutzen-Untersuchung wurde jedoch nicht durchgeführt. Die Stadt selbst räumte Anfang 2026 ein, dass konkrete Wirtschaftlichkeitsberechnungen zum Zeitpunkt der ursprünglichen Projektentscheidung noch nicht möglich gewesen seien. Trotzdem fiel die Entscheidung für den Bau. Dabei geht es hier keineswegs um eine Kleinigkeit. Wer fast 28 Mio. Euro investiert, sollte vorher prüfen, ob der erwartete Nutzen die Kosten rechtfertigt.
Ein weiteres Problem wirft die vorgesehene Rolltreppe im Tunnel auf. Allein ihr Bau wird rund 930.000 Euro kosten. Begründet wird dies u. a. mit dem Wunsch nach einer einheitlichen Ausstattung vergleichbarer Anlagen in der HafenCity. Hinzu kommen jährliche Betriebs- und Unterhaltungskosten von rund 110.000 Euro allein für die Rolltreppe. Ob diese tatsächlich benötigt wird, wurde jedoch nicht nachgewiesen.
Auch die langfristige Einbindung des Projekts wirft Fragen auf. Bereits der Masterplan HafenCity sah eine zusätzliche Brücke über den Oberhafenkanal vor, um die Anbindung an den Stadtteil Hammerbrook zu verbessern. Diese Brücke wurde aus Kostengründen bis heute nicht realisiert – somit entsteht der Tunnel zunächst, ohne dass ein wesentlicher Bestandteil der ursprünglich vorgesehenen Verkehrsanbindung gebaut worden ist.
Kritik kommt nicht nur vom Bund der Steuerzahler. Auch der Hamburger Rechnungshof beanstandete das Projekt. Die Prüfer kritisierten u. a. die fehlende Wirtschaftlichkeitsuntersuchung sowie die mangelhafte Dokumentation von Bau- und Kostenunterlagen. Besonders brisant: Nach den Berechnungen des Rechnungshofs übersteigen die jährlichen Kosten des Tunnels sogar den errechneten jährlichen Nutzen.
Foto: Sascha Mummenhoff
Aktuelle Entwicklung
Der Oberhafentunnel wird erneut später fertig. Statt wie angekündigt im dritten Quartal 2026 soll der Bau nun frühestens im Dezember abgeschlossen sein. Als Grund nennen HafenCity Hamburg GmbH und Hochbahn Insolvenzen ausführender Unternehmen. Wann der Tunnel tatsächlich öffnet, bleibt offen: Zuvor muss die Technische Aufsichtsbehörde ihn freigeben. Die Kostenprognose liegt weiterhin bei rund 27,9 Millionen Euro brutto.
Die Rolltreppe für rund 930.000 Euro ist bereits eingebaut und betriebsbereit, obwohl der Tunnel noch nicht geöffnet ist. Zu den laufenden Kosten nennen die Unternehmen nun Instandhaltungskosten im niedrigen fünfstelligen Bereich; die Betriebskosten hingen von der späteren Nutzung ab. Auf die Frage nach einer aktualisierten Wirtschaftlichkeits- oder Kosten-Nutzen-Untersuchung verwiesen sie lediglich darauf, dass der Rechnungshof eine solche Aktualisierung nicht gefordert habe. Ein neuer Nachweis, dass der Nutzen die Kosten rechtfertigt, wurde damit nicht vorgelegt.
Der Bund der Steuerzahler kritisiert
Der Oberhafentunnel steht exemplarisch für ein Grundproblem öffentlicher Großprojekte: Erst wird gebaut, dann wird gerechnet. Wenn fast 28 Mio. Euro investiert werden, sollte vorher feststehen, ob sich das Projekt überhaupt lohnt.
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