
Matsch, Meersalz und Millionen
Nordseegemeinde geht mit Thalasso-Tempel baden
Was ist passiert?
Wangerland (NI). Als im Jahr 2017 die Idee reifte, das leer stehende Kurmittelhaus in ein modernes Kur- und Gesundheitszentrum umzuwandeln, verband die Gemeinde Wangerland damit große Hoffnungen. Als wesentliche Geschäftsfelder wurden Fitness- und Wellnessangebote, Physiotherapie und Badekuren ausgemacht – mit Behandlungsschwerpunkt im medizinischen Thalasso-Bereich. „Thalasso“ (altgriechisch für „Meer“) beschreibt medizinische Anwendungen mit Elementen des Meeres wie Schlick, Algen, Salz und Meerwasser. Die Investitionskosten wurden seinerzeit auf 4,6 Mio. Euro geschätzt und die Eröffnung des Zentrums für 2020 in Aussicht gestellt.
Mit der Umsetzung des Vorhabens wurde die Wangerland Touristik GmbH (WTG) betraut, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Gemeinde. Zwischenzeitlichen Überlegungen, das Projekt gemeinsam mit einem privaten Investor zu stemmen, erteilte der Gemeinderat eine Absage, nachdem sich herausgestellt hatte, dass in dem Fall keine Fördergelder fließen könnten. Auf die drei Mio. Euro, die das Land Niedersachsen in Aussicht gestellt hatte, sowie auf eine 500.000-Euro-Förderung des Landkreises Friesland wollte man aber keinesfalls verzichten. Im Juli 2018 gab der Gemeinderat daher grünes Licht für den Bau in Alleinverantwortung der WTG. Eine schwerwiegende Fehlentscheidung, wie sich zeigen sollte.
Nachdem die Projektverantwortlichen in der Folgezeit den Austausch mit Branchenexperten gesucht hatten, kam man überein, nicht auf einen gemischten Betrieb, sondern voll auf das Thema „Thalasso“ zu setzen. Diese einzigartige Spezialisierung als „Thalasso Meeres Spa“ sollte der Nordseegemeinde zu einem touristischen Alleinstellungsmerkmal mit überregionaler Strahlkraft verhelfen. Damit verbunden waren auch gestalterische Sonderwünsche wie eine ansprechende Glasfassade, ein Gründach sowie eine Wasserwand, an der Meerwasser herunterlaufen sollte. Der ursprüngliche Eröffnungstermin war so aber nicht mehr zu halten; die Bauarbeiten konnten erst im Spätsommer 2020 beginnen. Auch die geschätzten Kosten hatten sich inzwischen auf 8,8 Mio. Euro erhöht – doch dabei sollte es nicht bleiben.
Während der Bauphase sorgten Lieferengpässe, Schäden am Baukörper und weitere Schwierigkeiten immer wieder für Verzögerungen. Gleichzeitig stiegen die Kosten immer weiter: Im Mai 2023 ging die WTG bereits von Gesamtkosten in Höhe von 17 Mio. Euro aus. Und noch ehe das „Thalasso Meeres Spa“ im Juni 2024 Eröffnung feiern konnte, hatten sich die Kosten sogar auf ca. 23 Mio. Euro erhöht – ein Vielfaches dessen, was den Ratsgremien einst präsentiert wurde. Lediglich ein Teil der Mehrkosten konnte durch eine Aufstockung der Landesförderung – von drei auf neun Mio. Euro – aufgefangen werden; den Rest sollte die WTG stemmen.
Eine Bürde, die die WTG nicht imstande war zu tragen. Im Juni 2025 musste sie den Weg ins Insolvenzverfahren antreten und war gezwungen, zwei Schwimmbäder zu schließen und ihr Tafelsilber (u. a. Campingplätze, Strandkörbe) zum Verkauf anzubieten. Das Spa selbst steht zwar nicht zum Verkauf, da erhaltene Fördergelder dann zurückgezahlt werden müssten; allerdings sucht die WTG nach einem Betreiber ab 2027. Man wäre sogar bereit, ihm ein „Geschäftsbesorgungshonorar“ zu zahlen – in der Hoffnung, dass dieses geringer ausfällt als die Defizite von ca. 1,3 Mio. Euro im Jahr, welche die WTG im Eigenbetrieb erwirtschaftet.
Foto: Nico Steinert
Der Bund der Steuerzahler kritisiert
Erst die üppigen Förderversprechen verleiteten die Gemeinde dazu, auf einen privaten Investor und sein Know-how zu verzichten. Damit nahm das Unheil seinen Lauf. Mit dem Bau in Eigenregie war die Tourismusgesellschaft maßlos überfordert, weshalb sich der Traum vom Thalasso-Tempel schnell zum Alptraum für die Steuerzahler wandelte.
Ärger allein ändert nichts. Ihre Spende schon.
Wir machen Steuergeldverschwendung öffentlich und bleiben dran, bis sich etwas ändert. Unterstützen Sie uns dabei mit Ihrer Spende.


Kommentare und Antworten
Sei der Erste, der kommentiert