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29.10.2019

Goldenes Nest aus Grundschule gestohlen

„Kunst am Bau“ sollte Fragen über den Wert von Bildung aufwerfen

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Was ist passiert?

Berlin. Das Nest aus 74 massiv gegossenen Feingoldzweigen solle als „finanzieller und ideeller Grundstock für die neue Fuchsberg- Grundschule in Berlin Marzahn-Hellersdorf“ dienen, schrieb der Künstler auf seiner Webseite. Das ca. 22 x 22 x 6 cm kleine Kunstwerk ruhte auf einem mattierten Glassockel in einer in die Wand eingelassenen Vitrine aus Stahl und 47-mm-Sicherheitsglas. Ein Vertrag erlaubte nach frühestens 14 Jahren „die Zerstörung und Veräußerung“ und stellte dafür als Bedingung „die gemeinsame Entscheidungsfindung und die Bildung einer gleichberechtigten Gemeinschaft“.

Die Wettbewerbsjury hatte schon 2014 den tieferen Sinn darin erkannt, dass in dem Schulgebäude an der Straße Habichtshorst ein in Gold gefertigtes Vogelnest platziert werden soll, „wie es von Greifvögeln gebaut wird“. Das goldene Nest werde „zur Projektionsfläche von Ideen und Träumen der Schüler/ innen und Lehrer/innen“, hieß es in der damaligen Pressemitteilung. Das Preisgericht würdigte den Entwurf zudem als eine „komplexe und durchdachte Konzeptarbeit mit experimentellem Charakter“. Darüber hinaus werfe das Kunstwerk auch „viele Fragen über den Wert von Bildung auf“.

Der BdSt hätte sich gerne selbst einen Eindruck verschafft und ein Foto von dem Kunstwerk gemacht. Leider verweigerte das Schulamt dem BdSt eine Genehmigung zum Betreten des Schulgeländes. Begründung: Durch den „Vorfall“ hätte die Schule schon genug Störung erlitten. Ob mit „Vorfall“ der bereits fünf Tage nach der Einweihung festgestellte erste Einbruchsversuch gemeint war, lies die Verwaltung allerdings offen. Der mehrfach um Vermittlung gebetene Schulstadtrat reagierte fast drei Monate lang überhaupt nicht, ließ dann aber zumindest ein Pressefoto übersenden. Was den Steuerzahler die vielen aufgeworfenen Fragen über den Wert von Bildung gekostet haben, wollte der BdSt genauer wissen. Nach elf Wochen Wartezeit teilte uns die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Gesamtkosten von 92.500 Euro für das Kunstwerk, die Anfertigung der Vitrine, das Material, das Künstlerhonorar sowie eine nicht näher bezeichnete „Sicherheitstechnik“ mit. Von den Gesamtkosten entfielen 30.101 Euro auf die 814,23 g Gold mit einem Feingehalt von 999 Promille, was den titelgebenden 24 Karat entspricht.

Genutzt hat die Sicherheitstechnik allerdings nichts. Nach sechs Monaten hatten die Einbrecher Erfolg: Das goldene Nest ist seither verschwunden.

Foto: Steffen Bernitz

Der Bund der Steuerzahler meint

Der Senat gibt den Sanierungsstau an den Berliner Schulen mit insgesamt 3,9 Mrd. Euro an. Da werfen Ausgaben von 92.500 Euro für ein winziges Kunstwerk aus massivem Gold tatsächlich viele Fragen über den Wert von Bildung auf.

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Alexander Kraus

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Bemerkungen :

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    Genosse008-Marzahn 29/10/2019 um 22:13

    Was bedeutet fahrlässig / grob fahrlässig in diesem Kontext ?


    Wird auch auf Beihilfe von der Polizei ermittelt ?



    Jedenfalls muss man (erfahrungsgemäß) davon ausgehen,


    dass niemand ein Nest (für seine Sammlung) klauen wollte, sondern GOLD zum Erzeugen von neuen unverdächtigen verwertbaren Schmuckgegenständen. ... egal !



    Frage 1 wäre:


    welche weiteren Kosten resultieren aus dem (vielteiligen) Vertrag, in dem jede Zerstörung (der künstler-Nestform) -- vorzeitig innerhalb der Schutzzeit ausgeschlossen wird -- auch durch die Räuber ??



    Frage 2 wäre:


    welche Konsequenzen waren für die vertragswidrige Zerstörung ausgelobt ? (Zurückgeben ? Strafzahlung ? etc.)



    Auf wessen Seite ruht(e) der schwarze Peter ?


    Wer gälte im Zweifelsfall als Haftender für Schadensersatz-Zahlungen ? Wer als Handlungsgehilfen ?



    Reichte es zur Schadensminderung (ohne Kostenminderung) aus,


    wenn die Schulkinder im Werkunterricht einfach ein NEUES NEST aus 999er-Gold-Gewebe flechten, das die Schulbehörde besorgt ?


    Sagen wir mal 5 Kilo davon oder Golddraht für bspw. 20.000 Euro ??



    ? .... als sacheinbar billigste Lösung ?



    *

    • user
      Alexander Kraus, BdSt Berlin 06/11/2019 um 15:33
      Das Wort "fahrlässig" kommt in unserem Text gar nicht vor? Leider kennen wir den Vertrag mit dem Künstler auch nicht. Wir denken aber nicht, dass eine Schadenersatzpflicht ggü. dem Künstler entstehen kann, weil das immerhin mit Stahl und Panzerglas gesicherte Kunstwerk aus einer verschlossenen Schule gestohlen wurde.

      Wir könnten uns aber vorstellen, dass das Land Berlin in Konflikt mit dem Urheberrecht kommen könnte, wenn Schüler das Nest einfach nachbauen würden und auf den leeren Sockel setzen.

      5 kg Gold würden derzeit übrigens rund 220.000 Euro kosten! Das Goldnest bestand nur zu 814,23g Feingold.

      Der Künsterler hat übrigens Auszüge aus dem Vertragsentwurf mit Korrekturanmerkungen veröffentlicht. Ob das mit dem unterschriebenen Exemplar übereinstimmt, wissen wir natürlich nicht.

      https://thorstengoldberg.de/wp-content/uploads/2019/01/24kt_06.jpg
      https://thorstengoldberg.de/wp-content/uploads/2019/01/24kt_07.jpg
  • user
    Der Biesdorfer 29/10/2019 um 18:56

    1. Kunst am Bau ist obligatorisch. Das Geld wäre so oder so für Nicht-Schulbücher ausgegeben worden.


    2. Wenn sich unsere Gesellschaft nichts Schönes mehr gönnen möchte, das geklaut oder mutwillig zerstört werden könnte, dann bitte richtig sparen: Z.B.: Alle Busse und Züge ohne Sitze, denn diese werden oft aufgeritzt und beschmiert. Keine historische Fassadensanierung, wie sowies mit Graffiti zugeschmiert.


    3. Insofern ist dieses Fallbeispiel ganz schlecht.

    • user
      Alexander Kraus, BdSt Berlin 06/11/2019 um 15:21
      Kunst am Bau ist in der ABau geregelt, die nur eine Verwaltungsvorschrift, jedoch kein Gesetz ist. Die zuständige Senatorin könne diese mit einem Federstrich außer Kraft setzen, ohne dass jemand zu Schaden käme oder dagegen klagen könnte.

      Die Frage ist immer, was man sich leisten kann, und ob es nicht dringendere Problem gibt. Der Sanierungsrückstau an den öffentlichen Gebäuden und der Infrastruktur dürfte sich in Berlin auf einen zweistelligen Milliardenbetrag summerieren. Betroffen sind nicht nur Schulen, sondern auch Polizeiwachen, Feuerwachen, verwaltungsgebäude, Kitas, Straßen, Gehwege, Brücken etc.

      Wir meinen, dass Sitze in Bussen und Zügen durchaus eine wichtige Funktion haben. Das Goldnest war zwar hübsch anzusehen, hatte aber weitestgehend keine besondere Funktion, jedenfalls wurde der dekorative Charakter durch den hohen Wert von echtem, massiven Gold nicht besonders erhöht.

      Kurzum: Berlin kann sich KEINE MASSIVEN GOLDNESTER LEISTEN! Insofern ist dieses Fallbeispiel sehr gut und sehr exemplarisch!