
Betonstein schlägt Naturpflaster
Fehlentscheidungen, Pannen und Probleme beim Umbau einer Wuppertaler Einkaufszone lassen Baukosten steigen.
Was ist passiert?
Wuppertal (NRW). Der Werth, die zentrale Einkaufszone in Wuppertal-Barmen, soll schöner werden. Eigentlich sollten dort auf einer Länge von ca. 650 Metern Natursteinplatten verlegt werden und in unterschiedlichen Formaten und Farbnuancen der Eindruck eines gewobenen Teppichs entstehen. Dieser „Kulturteppich Barmen“ sollte, ergänzt um wechselnde Licht- und Soundelemente, der Einkaufszone eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.
2018 begannen die Planungen; in der frühen Phase sollte das Projekt fünf Mio. Euro kosten. Seit September 2025 wird gebaut – und inzwischen liegen die Kosten bei knapp 15 Mio. Euro. Die maximal förderfähige Summe ist auf 10,6 Mio. Euro gedeckelt.
Teurer wurde es u. a. durch allgemeine Baukostensteigerungen, zusätzliche Planungskosten, Anpassung an Förderrichtlinien und Puffer für archäologische Funde.
Doch besonders die Wahl von Natursteinen entpuppte sich als eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, die das Bauprojekt auf einen steinigen Weg brachte.
Alles begann mit einem Vergabefehler: Nachdem ein Unternehmen mit der Lieferung von Natursteinen beauftragt worden war, stellte sich heraus, dass Leistungsbeschreibung und Angebotswertung voneinander abwichen. Der Auftrag wurde im April 2022 von der Stadt gekündigt, die Firma erhielt nach Aussagen der Stadt im Mai 2026 gegenüber dem Bund der Steuerzahler NRW einen Schadensausgleich in Höhe von 215.000 Euro. Diese Panne hatte eine Zeitverzögerung zur Folge: Der ursprüngliche Baubeginn war für das Frühjahr 2022 vorgesehen; die Neuausschreibung erfolgte erst im März 2025.
Die Zeitverzögerung zwischen 2022 und 2025 ist jedoch nicht allein auf die Vertragskündigung zurückzuführen. Mitten in die bereits laufende neue Ausschreibung platzte eine Gesetzesänderung zum 1.6.2022 mit neuen Vorgaben zum Denkmalschutz. „Da das Barmer Zentrum eine hohe industrie-historische Bedeutung besitzt, waren umfangreiche archäologische Suchschachtungen notwendig, um die Umsetzbarkeit der Planung im Untergrund zu prüfen“, erklärte die Stadt Wuppertal im Mai 2026 gegenüber dem Bund der Steuerzahler NRW. Diese archäologischen Voruntersuchungen im Jahr 2023 kosteten rund 122.490 Euro, die archäologische Baubegleitung bis voraussichtlich Mitte 2027 wird aktuell mit 750.000 Euro kalkuliert. „Die Kosten durch vorsichtiges Arbeiten oder potenzielle Stillstände könnten erst nach Abschluss der Maßnahmen final beziffert werden“, so die Stadt Wuppertal in einer Antwort im Mai 2026.
Aufgrund der Zeitverzögerungen kam es zu Lagerkosten für Leuchtmasten, Lautsprecher und Verteilerschränke, die nach gekündigter Ausschreibung im April 2022 der ehemaligen Auftragnehmerin abgekauft worden waren. Seit dem 1.5.2023 verursacht das monatlich 800 Euro Lagerkosten.
Hinzu kommt: Laut Ratsvorlagen war jede Lieferung der Natursteine während eines Zeitraums von 1,5 Jahren optisch überprüft worden. Trotzdem zeigten sich bei der Endabnahme 2024 qualitative Mängel – für eine intensive Nutzung bei Festen waren die Steine offensichtlich nicht geeignet. Dabei war bei der Ausschreibung ein externer Sachverständiger für Natursteine hinzugezogen und vielfältige Vorgaben gemacht worden. Die Stadt trat vom Kaufvertrag zurück, hatte aber bereits 1,6 Mio. Euro für die Steine gezahlt.
Daraus ergab sich ein weiterer Stolperstein: Die Natursteine gehören weiterhin der Stadt Wuppertal. Für die fachgerechte Lagerung seit Anfang des Jahres 2023 seien bislang insgesamt 97.500 Euro angefallen, so die Stadt. Der Lieferant sei aufgefordert worden, die Steine abzuholen, die Stadt Wuppertal fordere inkl. Lagerkosten aktuell eine Summe von insgesamt 2.017.457,81 Euro zurück und verweist in einer Antwort an den Bund der Steuerzahler NRW auf „laufende juristische Klärungen“. Ob also die Kosten für die Natursteine und Lagerung erstattet werden, ist offen. Und die Lagerkosten laufen weiter.
Um weitere Risiken und Verzögerungen zu vermeiden, beschloss die Stadt, auf hochwertige Betonsteine zu wechseln. Das bedeutete zusätzliche Kosten von 750.000 Euro. Bei den Vorteilen dieser Betonsteine wird die Stadt Wuppertal in Ratsvorlagen und auf der Projektseite geradezu euphorisch: Betonsteine seien viel günstiger, hätten kürzere Beschaffungszeiträume, könnten bei diversen Herstellern bezogen werden, hätten eine deutlich höhere Maßhaltigkeit, erfüllten die Anforderungen der intensiven und vielfältigen Nutzung besser, blieben in Haptik und Farbigkeit eigenständig ablesbar und würden dazu beitragen, der Barmer Fußgängerzone ein neues, qualitätsvolles Image zu verleihen. Zudem reflektierten sie das Sonnenlicht besser und würden somit eine Aufheizung der Innenstadt minimieren. Offen bleibt die Frage, warum sich die Verantwortlichen in Wuppertal bei all diesen Vorzügen nicht direkt für Betonsteine entschieden haben. Viele Zusatzkosten wären so erst gar nicht entstanden.
Foto: Andrea Defeld
Der Bund der Steuerzahler kritisiert
Haushaltsgesetze schreiben eine sparsame Verwendung von Steuergeld vor. Wenn Betonstein so viele Vorteile hat und Naturstein teuer, schwer zu beschaffen und zudem noch schwankend in seiner Qualität ist, hätte sich die Stadt von Anfang an für Betonsteine entscheiden müssen.
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