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01.10.2026

900.000 Euro für die nächste Grünphase

Fast eine Mio. Euro für Anzeigen, die die nächste Ampelphase erklären

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Was ist passiert?

Berlin/Hamburg. Die Digitalisierung des Straßenverkehrs gilt als wichtiger Baustein moderner Mobilitätspolitik. Doch nicht jede technische Innovation löst auch ein erkennbares Problem. Das zeigen zwei Pilotprojekte in Berlin und Hamburg. 

In Berlin setzt die Senatsverwaltung für Mobilität auf das Projekt „VeloFlow“. Die LED-Anzeigen sollen Radfahrern rund 100 Meter vor einer Ampel anzeigen, ob sie bei einer Geschwindigkeit von etwa 20 Kilometern pro Stunde die nächste Kreuzung noch bei Grün erreichen. Dadurch sollen Rotlichtverstöße reduziert und das Radfahren attraktiver werden. Bis Ende 2026 sollen insgesamt 23 Anlagen installiert werden. Die Gesamtkosten belaufen sich nach Angaben des Senats auf 763.223,38 Euro. Davon entfallen 324.666,10 Euro auf die Beschaffung und Weiterentwicklung von insgesamt 27 VeloFlow-Anzeigen einschließlich Entwicklung, Material, Montage, Ersatzteilen, Backend und Software. Vier dieser Anzeigen dienen ausschließlich Forschungs- und Reservezwecken. Weitere 331.030,46 Euro werden für die Digitalisierung der Ampelinfrastruktur ausgegeben. Hinzu kommen 48.724,92 Euro für Stromanschlüsse und den Austausch von Lichtmasten, weitere 23.527,92 Euro für Baumaßnahmen sowie 35.273,98 Euro für Evaluierung und Begleitforschung. Umgerechnet kostet jeder der 23 aufgebauten Standorte mehr als 33.000 Euro. Hinzu kommen jährliche Betriebs- und Unterhaltungskosten von bis zu 31.000 Euro. 

Auch Hamburg verfolgt einen ähnlichen Ansatz. An der Rothenbaumchaussee wurden im Rahmen des Projekts „AMRA“ zwei „Radflow“-Anzeigen installiert. Sie sollen Radfahrern helfen, ihre Geschwindigkeit so anzupassen, dass die nächste Ampel möglichst ohne Halt bei Grün erreicht wird. Die Anzeigen geben Hinweise wie „Weiter treten“, „Jetzt Turbo“ oder „Kurz trödeln“. Während die beiden „Radflow“-Anzeigen selbst mit 29.660 Euro veranschlagt werden, belaufen sich die Gesamtkosten des Pilotprojekts „AMRA“ nach Angaben der Verkehrsbehörde auf 143.190 Euro. Neben den Displays umfasst das Projekt  
u. a. Projektsteuerung, technische Anpassungen, Netz- und Stromanschlüsse, Betriebsverwaltung, Testbetrieb sowie Sicherheitstests. 

Zusammen kosten beide Projekte damit bereits 906.413,38 Euro. Der zusätzliche Informationsgewinn erscheint allerdings überschaubar. Auch ohne digitale Zusatzanzeigen können Verkehrsteilnehmer anhand der Ampelschaltung erkennen, ob eine Grünphase endet oder bevorsteht. Wer regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs ist, entwickelt zudem schnell ein Gefühl dafür, ob die nächste Ampel noch bei Grün erreicht werden kann. Besonders deutlich wird dies am Hamburger Standort. Die eigentliche Ampel ist aufgrund der kurzen Distanz bereits gut sichtbar. Paradoxerweise sind die Symbole und Hinweise der zusätzlichen „Radflow“-Anzeige deutlich weniger selbsterklärend. Tatsächlich musste unter den Displays sogar eine Art Bedienungsanleitung mit Hinweisen angebracht werden. 

Die Befürworter verweisen auf mehr Komfort, einen besseren Verkehrsfluss und eine höhere Attraktivität des Radverkehrs. Kritiker halten dagegen, dass der praktische Nutzen in keinem überzeugenden Verhältnis zu den Kosten steht. Hinzu kommt: Beide Projekte sind ausdrücklich als Pilotvorhaben angelegt. Sollten die Evaluationen positiv ausfallen, könnten weitere Standorte folgen. Die derzeitigen Ausgaben wären dann lediglich der Einstieg in eine breitere Einführung der Technik. 

Jede zusätzliche digitale Infrastruktur sollte einen klar erkennbaren Mehrwert liefern, zumal öffentliche Mittel begrenzt sind. Ob dies bei den neuen Grünphasen-Anzeigen tatsächlich gelingt, bleibt fraglich. 

Foto: Sascha Mummenhoff
 

Aktuelle Entwicklung

Die beiden Hamburger „Radflow“-Anlagen sind derzeit außer Betrieb. Anwohner berichten zudem von wiederholten Ausfällen. Seit wann die Anzeigen abgeschaltet sind, warum sie nicht funktionieren und wann sie wieder in Betrieb gehen sollen, ist bislang ungeklärt. Eine entsprechende Anfrage des Bundes der Steuerzahler blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Offen ist auch, ob zusätzliche Kosten entstehen und wie sich die Ausfälle auf die Erprobung des insgesamt 143.190 Euro teuren Pilotprojekts auswirken.

Der Bund der Steuerzahler meint

Digitale Verkehrstechnik kann sinnvoll sein. Sie muss jedoch einen erkennbaren Mehrwert bieten. Der Informationsgewinn der „Radflow“- und „VeloFlow“-Anzeigen bleibt aber überschaubar. Wer mehr als 900.000 Euro investiert, sollte mehr erreichen als die digitale Darstellung von Informationen, die sich vielfach bereits aus der vorhandenen Ampelschaltung ergeben. 

Fragen an den Autor

Autor des Artikels

Portrait Alexander Kraus, Vorsitzender des Bund der Steuerzahler Berlin

Alexander Kraus

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