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29.10.2019

40 Sekunden auf dem Superradweg

Gerade einmal 40 Sekunden dauert die Fahrt auf dem 430.000 Euro teuren Radweg

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Was ist passiert?

Osnabrück. Für die Gestaltung des rund 165 m langen Radwegs konnte der Osnabrücker Stadtrat im Februar 2018 aus zwei Varianten wählen: Die erste Variante („ERA+“) basierte auf den Empfehlungen der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen für den Bau von Radverkehrsanlagen, also auf einem bundesweit etablierten Standardmaß. Neben der Verbreiterung auf 2 m sah der Entwurf auch einen 50 cm breiten Sicherheitstrennstreifen zur Fahrbahn vor. Geschätzte Kosten: 180.000 Euro.

Bei der zweiten Variante handelte es sich um eine „Protected Bike Lane“ nach Kopenhagener Vorbild. Diese in Deutschland weitgehend unerprobte Radverkehrsführung besteht aus einem 3 bis 3,25 m breiten, baulich deutlich von der Autofahrbahn abgetrennten Asphaltradweg. Diese Ausgestaltung, die den Radfahrern ein ganz besonderes Sicherheitsgefühl vermitteln soll, hat allerdings auch ihren Preis: Schätzungsweise 275.000 Euro sollte der Bau der „Protected Bike Lane“ kosten. Der Stadtrat war bereit, den Mehraufwand von 95.000 Euro für diese „besonders hochwertige Form der Radführung“ zu stemmen. Die Arbeiten erfolgten während der Sommerferien. Im August 2018 rollten die ersten Fahrräder über den neuen Superradweg.

Erst ein halbes Jahr nach der Eröffnung, im März 2019, informierte die Verwaltung den Stadtrat beiläufig, dass die Baukosten der „Bike Lane“ die ursprüngliche Schätzung wohl deutlich überstiegen hätten. Der Bund der Steuerzahler wollte es genau wissen und hakte bei der Stadt nach: Ganze 430.000 Euro hat die 165 m lange „Bike Lane“ gekostet – satte 2.600 Euro pro Meter! Die Standardvariante wäre trotz Sicherheitsaufschlag für weniger als die Hälfte zu haben gewesen.

Die Stadt verwies auf den „Projektcharakter des Vorhabens“. Dabei war man die Sache wohl einfach zu überhastet angegangen. Zu Beginn des Projekts lagen weder Bodengutachten noch ein Verkehrskonzept vor, sodass Planungs- und Baukontrollleistungen extern eingekauft werden mussten. Einzelne Kostenbausteine wurden in der Schätzung vollständig vergessen, und wegen des zu engen Zeitplans fielen die Angebote der Baufirmen deutlich höher aus als ursprünglich kalkuliert.

Foto: Steffen Grüner

Alternative Investition

Für die gleiche Summe wäre ein Radweg, in Standardbauweise gebaut, mindestens doppelt so lang geworden. 

Der Bund der Steuerzahler fordert

Beim nötigen Ausbau des Radwegenetzes sollten sich die Städte am gültigen Stand der Technik orientieren und auf teure Alleingänge verzichten. Zudem sollte über Projekte erst abgestimmt werden, wenn die Planungen ausgereift sind und realistische Kostenschätzungen vorliegen.

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Bemerkungen :

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    Michael brackmann 30/10/2019 um 17:17

    Hallo Herr Vermöhlen,



    haben Sie tatsächlich bei Ihren Recherchen zu diesem Artikel "geschlampt" ? ;-)


    So schreibt es zumindest die Neue Osnabrücker Zeitung in ihrer heutigen Headline!


    https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1922232/schwarzbuch-2019-osnabruecker-stadtbaurat-wirft-steuerzahlerbund-schlampige-arbeit-vor#

    • user
      JV 07/11/2019 um 08:59

      Hallo Herr Brackmann,



      wie Sie dem Artikel entnehmen können, ist dies einzig und allein die persönliche Meinung des Stadtbaurats.



      Die Fakten, die seiner Ansicht nach "relativ einfach greifbar" gewesen wären, sind zudem erst auf unser Einschreiten hin überhaupt erst öffentlich geworden (https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1677860/teurer-superradweg-steuerzahlerbund-fordert-aufklaerung).



      Die daraufhin, im Rahmen einer seitens der Stadt hastig einberufenen Pressekonferenz, veröffentlichten "Fakten" sind in unserem Artikel allesamt berücksichtigt.



      Dass die Informationen zum Projektablauf wohl doch nicht so "einfach greifbar" waren, zeigt auch die Reaktion der Politik. So fühlten sich selbst die Mitglieder des Stadtrats nicht hinreichend über die Kostensteigerungen im laufenden Prozess informiert.

  • user
    Lukas 30/10/2019 um 09:43

    Der gültigen Stand der Technik beim Bau von Radwegen in Deutschland ist nicht geeignet, um den Herausforderungen der nötigen Verkehrswende zu begegnen. Daher ist es sinnvoll, in anderen Ländern erfolgreich erprobte Modelle auch hierzulande einzusetzen. Den Modellcharakter des Projektes kann man wohl als unbestritten hinnehmen. Ohne mutige Versuche dieser Art wird sich der hierzulande übliche (tödliche) Stand der Technik nie weiterentwickeln.

    • user
      JV 07/11/2019 um 09:09

      Hallo Lukas,



      auch wir sind der Meinung, dass insbesondere der innerstädtische Fahrradverkehr gestärkt werden muss, um den Herausforderungen der Verkehrswende zu begegnen.



      Allerdings sind wir der auch der Meinung, dass es nicht Aufgabe einer einzelnen Stadt sein darf, derartige Modellprojekte im Alleingang voranzutreiben. Vielmehr sollte auf einer übergeordneten Ebene daran gearbeitet werden, die Standards entsprechend weiterzuentwickeln, um den Städten eine Blaupause an die Hand zu geben. Hier hätte sich die Stadt Osnabrück sicher gut und gerne einbringen können.



      Nur so kann auch ein flächendeckend sicherer Radverkehr gewährleistet werden - nicht indem jede Stadt ihr "eigenes Süppchen kocht".

  • user
    Christoph Wissing 30/10/2019 um 00:03

    Genau richtig, dieser Fahrradstreifen bringt nichts, kostete unnötiges Geld und funktionierte auch vorher sehr gut. Schneller ist man dadurch nicht. Gefahren werden auch nicht genommen. Stattdessen sind sogar mehrere Parkplätze eingestampft worden.